Leistungsstress bei Kindern und Jugendlichen

Der Psychologe Fabian Groilmund ist tätig an der Universität Fribourg in der Schweiz. Er leitet die Fachstelle für Eltern-, Lehrer und Schülerberatung. Im Rahmen eines Interviews stand er uns Rede und Antwort zu seinem Buch ” effektiv denken-effektiv lernen”, Ursachen für Leistungsstress und zum aktuell stattfindenden “Training gegen Leistungsstress” . Dieses wird momentan an verschieden Schulen, mit 300 teilnehmenden Schülern, in mehreren Schweizer Kantonen durchgeführt. Die ersten Evalutionsergebnisse sind im Sommer 2008 zu erwarten.

Herr Groilmund was ist die Intention ihres Buches “effektiv denken-effektiv lernen”?

Das Buch soll Jugendliche und junge Erwachsene dazu anregen, ihr Lernverhalten und ihre Einstellung zu Schule und zum Lernen zu überdenken. Sie sollen Handlungsmöglichkeiten in schwierigen Situationen wieder verstärkt wahrnehmen und eine realistische, aber dennoch konstruktive Einstellung entwickeln. Im zweiten Teil werden einfache, aber effektive Lernmethoden vorgestellt.

Warum wollen Sie ihr Buch „effektiv denken-effektiv lernen“ unentgeltlich zur Verfügung stellen?

Wir haben immer wieder bemerkt, dass Fr.25.- für einige Jugendliche viel Geld ist – sehr oft gerade für Jugendliche, die etwas Hilfe gebrauchen könnten. Wir freuen uns aber sehr, wenn Jugendliche und Eltern das Buch beim Verlag oder bei uns bestellen und auf diese Weise unser Projekt unterstützen.

Was sind die Ursachen für den zunehmenden Leistungsstress bei Kindern und Jugendlichen?

Es gibt mehrere Ursachen, die zu Leistungsstress führen: genetische Veranlagungen, eine stark auf Leistung ausgerichtete Erziehung, ein kompetitives Klassenklima, ein ungünstiges Erziehungs- oder Lehrerverhalten, Überforderung etc.

Ein Problem das heute aktueller ist, ist die Entwertung gewisser Schulabschlüsse, die Situation auf dem Arbeitsmarkt und der damit verbundene Druck, einen guten Abschluss machen zu müssen. Dieser äussert sich oft in (meiner Ansicht nach falschen!) Aussagen wie: „ohne Studium hast du heute sowieso keine Chance“, „Heute reicht es nicht, gut zu sein, man muss schon sehr gut sein!“ etc. Dabei werden Noten und der Abschluss überbewertet, während andere erfolgsrelevante Eigenschaften und praxisbezogenes Lernen im Beruf abgewertet werden.

Wie sollten Eltern grundsätzlich mit schulischen Mißerfolgen, beispielsweise schlechten Zeugnissnoten, umgehen?

Dies ist keine einfache Situation. Sie wird meist schlimmer, wenn die Eltern mit Druck und Mahnungen reagieren und vom Kind bessere „Ergebnisse“ verlangen. Meist wird das Kind dadurch in der Schule nicht besser, die Beziehung zwischen Eltern und Kind aber massiv schlechter.

Mein Rat wäre: Diskutieren Sie je nach Alter des Kindes mit ihm zusammen die Situation, nehmen Sie die Sichtweise des Kindes ernst und suchen Sie gemeinsam nach Lösungswegen. Achten Sie bei der Umsetzung darauf, dass Sie auf keinen Fall zu lange bei einem Lösungsweg verweilen, der nicht funktioniert und ziehen Sie Fachpersonen heran, wenn Sie alleine nicht weiterkommen.

Was sind die Ziele ihres „Training gegen Lernstress“ an den Schulen in verschiedenen Schweizer Kantonen?

Das Training besteht aus 6 Sitzungen in wöchentlichem Abstand. In kleinen Gruppen von maximal 5 SchülerInnen pro TrainerIn sprechen wir über die Einstellung zum Lernen und das Lernverhalten der Teilnehmer. Aus Gedanken wie „es ist so ein Berg, das schaffe ich nie!“, „wenn ich durch die Prüfung falle, werde ich mir das nie verzeihen“ und „Mathe kann man eh nicht lernen“ werden durch die Diskussion in der Gruppe und die Anleitung der Trainer konstruktivere Gedanken wie „es ist wirklich viel, aber es muss machbar sein, sonst würden nicht jedes Jahr fast alle durchkommen. Ich teile es mir gut ein und fange heute an“, „wenn ich durch die Prüfung falle, bin ich sicher zwei oder drei Wochen enttäuscht, aber ich kann es ja ein zweites mal versuchen“ und „Ich bin zwar nicht gerade ein Naturtalent, was Mathe anbelangt, aber um eine halbe Note kann ich mich verbessern, wenn ich etwas dafür tu!“

Dieser Einstellungswechsel ist wichtig, um ängstlichen Schülern die Angst ein Stück weit zu nehmen und demotivierten wieder aufzuzeigen, dass sie ihre Leistungen beeinflussen können. Die im zweiten Teil vermittelten Lerntechniken werden so bereitwilliger ausprobiert.

Gibt es schon Ergebnisse ihres „Traning gegen Lernstress“ an Schweizer Schulen? Und wie wird das Traning von Eltern und Schülern angenommen?

Wir hatten im Rahmen der Evaluation erfreuliche Ergebnisse. Die Teilnehmer waren nach dem Training zuversichtlicher, weniger besorgt und aufgeregt, gaben an, besser lernen, sich besser motivieren und besser konzentrieren zu können und waren mit dem Training sehr zufrieden. Eine erste Evaluation wurde von Cécile Fidan im Rahmen einer Bachelorarbeit vorgenommen. Im Sommer werden wir die Daten aller Teilnehmer, die dieses Jahr teilgenommen haben, auswerten.

Ist dieses Training auf deutsche Schulen übertragbar?

Ja, das Training ist unabhängig vom Schulsystem anwendbar.

Worin unterscheiden sich, aus ihrer Sicht, das Schweizer- und das deutsche Schulsytem?

Eine schwierige Frage, zumal wir hier in der Schweiz in jedem Kanton ein anderes System haben. Ich vermute, dass das Schweizer Schulsystem insgesamt durchlässiger ist. So hat beispielsweise einer meiner Klassenkameraden nach der Bezirksschule eine Försterlehre mit begleitender Berufsmatura absolviert, danach auf einer Fachhochschule Sport studiert und ist jetzt dabei, an der Universität Pädagogik und Psychologie zu studieren. Solche Bildungswege über verschiedene Stufen hinweg scheinen mir in Deutschland weniger gut möglich zu sein.

Herzlichen Dank für das interessante Interview!

Hier können Sie sich das Buch “effektiv lernen-effektiv-denken” gratis herunterladen:

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