Archiv der Kategorie ‘Medienpädagogik‘

Interview mit Christian Füller – “Schlaue Kinder, schlechte Schulen”

Sonntag, den 17. August 2008

Christian Füller Bildungsjournalist, u.a. Redakteur bei der Tageszeitung (taz), beschäftigt sich in seinem Buch “Schlaue Kinder, schlechte Schulen” mit der Situation des deutschen Schulsystems. Er war so freundlich uns einige Fragen zum Buch und zur deutschen Bildungslandschaft zu beantworten.

Was ist das Hauptanliegen ihres Buches?

Ich wollte zeigen, dass in der deutschen Schule immer noch der Wurm drin ist – trotz der leichten Verbesserungen, die in der bislang letzten Pisastudie von 2006 zum Vorschein kamen. Der Politik gelingt es kaum, die Schule und das Lernen zielgerichtet zu verbessern. Gleichzeitig sieht man, dass sich von unten bereits ganz viel tut: Es gibt exzellente Schulen, die beim Lernen völlig neue Wege gehen.

Wo sehen Sie das Hauptproblem im bundesdeutschen Schulsystem?

Es produziert systematisch Bildungsarmut. Schule betreibt Auslese, anstatt jeden Schüler durchgehend zu fördern. Und wir sehen obendrein ein chaotisches System. Es herrscht so etwas wie organisierte Verantwortungslosigkeit. Ob ein Kind einen Kita- oder Schulplatz bekommt, wann ein Vertretungslehrer in der Klasse auftaucht, ob ein Kind etwas zum Mittag bekommt, das alles hängt von einer unerforschlichen Bürokratie ab. Eltern können ein Lied davon singen.

Was sollten erste bildungspolitische Schritte sein, um unser Schulsystem zu reformieren?

Wir müssen dem Prinzip Verantwortung in der Schule wieder zu Geltung verhelfen. Jedes einzelne Kind hat es verdient, in seinen Talenten optimal gefördert zu werden. Dazu brauchen wir eine andere Art des Lernens, neue Lehrer und viel viel Geld. Damit das Prinzip Verantwortung wieder wirksam werden kann, müssen die verworrenen Zuständigkeiten einfacher werden – beginnend oben mit der Konferenz der Kultusminister, die radikal entmachtet werden muss.

Wie kann man ihrer Meinung nach die unterschiedlichen Leistungsniveaus bei Schulanfängern ausgleichen?

Wir müssen diese Niveaus nicht ausgleichen, sondern einfach jedes Kind optimal voranbringen. Bislang vergrößert das Schulsystem zielgerichtet die Abstände zwischen den langsameren und den schnelleren Schülern – durch einen staatlich gewollten Ausleseprozess. Damit muss Schluss sein. Es gibt heute eine Vielzahl von Lernformen, die auf die Individualität und die Selbständigkeit des Lerners setzen. Diese Formen müssen an die Stelle der immer noch vorherrschenden Frontbeladung treten. Dazu muss man allerdings den Unterricht völlig anders organisieren, als es bisher geschieht. Das neue Lernen ist kein Selbstläufer.

Kinder werden durch Schulnoten entweder ermutigt oder gedemütigt. Sollte man Schulnoten abschaffen bzw. was sehen Sie für Alternativen?

Schulnoten sind eine eindimensionale und oft völlig verzerrte Art des Bewertens. Man sollte so lange wie möglich darauf verzichten. An die Stelle können verschiedenen Formen von verbalen Beurteilungen treten – in Entwicklungsgesprächen und auch am Ende des Schuljahres. In solchen Beurteilungen lässt sich ein Schüler viel treffender, differenzierter einschätzen als durch eine Note – und vor allem: viel positiver. Das individuelle Potenzial und die Entwicklung eines Schülers kommen in Verbalzeugnissen viel besser zur Geltung.

Was halten Sie vom Ansatz Schulleistungen von Kindern nicht nur im Vergleich zu den Mitschülern zu messen sondern auch die persönlichen Lernfortschritte des einzelnen Kindes in die Benotung einfließen zu lassen?

Das ist ganz wichtig. Wobei es nicht auf die Benotung ankommt, sondern darauf, die Chancen und Talente des einzelnen herauszuarbeiten. Die Verbesserung eines Schüler wird durch eine Note völlig unzureichend dargestellt. Kommt er von der fünf zur vier, runzelt der Betrachter die Stirn, weil die Versetzung weiter gefährdet ist. Zeigt man ohne die Note, welch´ enorme persönliche Fortschritte jemand gemacht hat, dann ist das ermutigend. Weil man etwa zeigen kann, wie der Schüler die Art verändert, an einen Gegenstand oder ein Projekt heranzugehen. Weil die Courage und die Offenheit, die jemand vielleicht erst nach und nach gewinnt, so überhaupt erst sichtbar wird.

Mein Eindruck ist es herrscht eine Art bildungspolitischer Aktionismus, der erziehungswissenschaftliche Erkenntnisse weitgehend ignoriert. Können sie aus ihrer journalistischen Sicht beurteilen ob es seitens der Politik ein glaubhaftes Interesse gibt eine schulische Chancen- und Bildungsgleichheit für Kinder und Jugendliche herzustellen?

Es gibt reichlich politische Bekenntnisse, die Bildungschancen aller Kinder zu verbessern – unabhängig von ihrer Herkunft. Und ich möchte dem einzelnen Kultusminister auch nicht absprechen, dass er sich das wünscht. Allerdings gibt es bislang nur in einzelnen Bundesländern wirklich systematische Weichenstellungen, die in die richtige Richtung zeigen. Seit der ersten Pisastudie wurde unglaublich viel Zeit vergeudet – am meisten in der Lehrerbildung. In den sieben Jahren seit des ersten Pisadesasters hat sich da ein Grad an Verantwortungslosigkeit bei den Kultusministern und ihrer ständigen Konferenz gezeigt, der beschämend ist. Die jüngeren Vergangenheit hat gezeigt: Die Eltern und die einzelne Schulen müssen ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen.

Linktipp: Artikel von Christian Füller auf Spiegel online: “Scheitern und Schule sind Zwillinge”

Jugendschutzgesetz gegen “Killerspiele” verabschiedet

Freitag, den 9. Mai 2008

Die Debatte über ein Verbot der “Killerspiele” begann u.a. mit der Amoktat von Robert Steinhäuser 2002 an einer Erfurter Schule. Diese Bluttat führte dazu, dass am 1. April 2003 die Regelungen zum Jugendmedienschutzgesetz in Kraft traten. Heute am 09.05.08 tritt eine modifizierte Gesetztesnovelle in Kraft. Die Kriterien wurden so verändert, dass gewalttätige Videospiele auf dem Index landen.

Aus wissenschaftlicher Sicht nähert man sich damit 1927 an. Aus dieser Zeit stammt der Stimulus – Response Ansatz. Er geht davon aus, dass zwischen dem Kommunikator und den Rezipienten eine einseitige monokausale Reiz – Reaktion Beziehung besteht. Demnach spielte Robert Steinhäuser ein “Egoshooterspiel” und, zu Mord und Todschlag bereit, schritt er zur Tat. Selbstverständlich lernte er durch “Counterstrike” auch mit Schusswaffen umzugehen und diese gezielt zum Töten einzusetzen! Seine langjährige Mitgliedschaft im Schützenverein war eine zu vernachlässigende Größe.

Was versteht man eigentlich unter Aktionismus? Wann greifen die Millionen von “Counterstrikespielern” zu den Waffen?

Jedenfalls ist seit heute die “Stammtischhoheit” gesichert. Traurig aber wahr!

Mehr Informationen zum Thema:

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Harvard Studie “Videospiele fördern Sozialkompetenz”

Mittwoch, den 7. Mai 2008

Eine repräsentative (1200 Probanden) Studie der Harvard University in Massachusetts kam zum Ergebnis, dass Videospiele die Sozialkompetenz bei Kindern fördern.

Kinder die nicht spielen haben mehr Probleme in der Schule und im Elternhaus.

Die Wissenschaftlerin Chery K. Olson war von ihren eigenen Ergebnissen überrascht. Die Studie wurde von einem Republikaner aus dem Justizministerium finanziert. Von daher kann die Studie als unabhängig angesehen werden, weil sie nicht von der “Spieleindustrie” gesponsort wurde. Während bei vielen Medienwirkungsstudien oftmals nur Mittelstandskinder im Fokus stehen wurden bei dieser Studie Kinder aus unterschiedlichsten sozialen Milieus befragt.

Vor einiger Zeit wies ich im Artikel “Medien als Ursache für Amokläufe”darauf hin, dass es keinen monokausalen Zusammenhang zwischen beispielsweise “Counterstrike” und einer Amoktat geben kann. Wenn es so wäre würde sich Deutschland in bürgerkriegsähnlichen Zuständen befinden! Es gibt Hunderttausend begeisterte Computerspiele Spieler die auch agressive Videogames spielen und niemanden physisch schädigen.

Gewalt sollte niemals verharmlost werden! Jedoch haben die Gewaltausbrüche von beispielsweise Amokläufern immer multifaktorielle Ursachen. Das heißt die Ursachen sind auch im Elternhaus, der Schule und in der Gesellschaft selbst zu suchen.

Es ist natürlich immer am einfachsten Videospielen die Schuld für derartige Taten zu geben. Dadurch negiert man aber letztendlich Erkentnisse aus der Soziologie, der Medienpädagogik, der Psychologie und der Erziehungswissenschaft.

Linktipps:

Ein interessantes Interview zum Thema Medienpädagogik mit Dipl.-Soz.Päd. Horst Pohlmann vom Institut für Medienforschung und Medienpädagogik in Köln.

http://www.effekt-nrw.de/blog/category/medienpaedagogik/

http://silberschweif.wordpress.com/2008/05/05/videospielen-fordert-sozialkompetenz/

http://www.heise.de/newsticker/Harvard-Studie-erkennt-klar-positive-Eigenschaften-bei-Videospielen–/meldung/107360

Was umfasst Medienkompetenz?

Freitag, den 22. Dezember 2006

Immer wieder bekommen wir Anfragen von Eltern deren Grundtenor lautet:

Wie vermittle ich meinen Kindern Medienkompetenz um in einer von medialen Reizen geprägten Umwelt selbstbewusst agieren und differenzieren zu können?

Dabei wird deutlich, dass ein Großteil der Eltern nur eine vage Vorstellung davon hat was man unter Medienkompetenz versteht.

Es werden vier Dimensionen von Medienkompetenz unterschieden:

Medienkritik:

Heranwachsende sollten lernen gesellschaftliche Prozesse angemessen analytisch zu erfassen um dieses Wissen auf sich selbst und sein Handeln anwenden zu können.

Medienkunde:

Kinder und Jugendliche sollten über über existierende Medien und Mediensysteme informiert sein.

Mediennutzung:

Die Mediennutzung schließt Medienhandeln mit ein d. h. aus rezeptiver Sicht anwendend und aus interaktiver Sicht anbietend.

Mediengestaltung:

Die Mediengestaltung kann innovativ sein im Sinne einer Weiterentwicklung des Mediensystemes . Mediengestaltung kann auch kreativ sein.

Wenn Kinder und Jugendliche in der Lage sind Medien im Sinne dieser vier Dimensionen zu reflektieren und zu nutzen müssen sich Eltern keine Gedanken machen ob ihr Kind ausreichend medienkompetent ist!

Mehr Informationen hier

Medien als Ursache für Amokläufe?

Dienstag, den 19. Dezember 2006

Nachdem ein junger Mann an seiner ehemaligen Schule in Emstedtten einen Amoklauf beging befand sich die Öffentlichkeit wieder einmal in heller Aufregung und suchten die Schuldigen. Es fiel ihnen wieder nichts anderes ein als Egoshooterspiele z.B. “Counterstrike” oder wahlweise gewaltverherrlichende Musik für den Amoklauf verantwortlich zu machen. Also ähnlich wie beim Amoklauf von Robert Steinhäuser am Gutenbergymnasium in Erfurt.

Es wurde wieder einmal die Tatsache negiert das es keinen monokausalen Zusammenhang zwischen “Counterstrike” und der Amoktat geben kann. Es gibt in Deutschland hundertausende Kinder, Jugendliche und Erwachsene die am PC “ballern”. Wenn Egoshooterspiele tatsächlich Gewalt auslösen würden wir uns in bürgerkriegsähnlichen Zuständen befinden.

Medienpädagogik